Stimmen zum Weltethos
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»Zeit zum Aufwachen.
Warum wir ein Weltethos in christlicher Sprache brauchen«
Angela Rinn-Maurer
Gemeinsam mit der evangelischen Pfarrerin Angela Rinn–Maurer hat der katholische Theologe Hans Küng das von ihm entwickelte Weltethos nun christlich verortet. Die Mainzer Pfarrerin vertritt dabei die Ansicht, dass das Weltethos sehr wohl christlich begründet werden könne, ohne Abstriche machen zu müssen.
Das Christentum ist müde geworden – zumindest in Deutschland. Wie anders ist zu erklären, dass anlässlich der Verhaftung eines vom Islam zum Christentum Konvertierten so wenige Reaktionen festzustellen waren. Zwar gab es einen dringlichen Appell des Papstes, aber friedliche Demonstrationen von Christen, die für die Freilassung ihres Glaubensbruders auf die Straße gegangen wären, habe ich in der Bundesrepublik nicht feststellen können. Wahrscheinlich waren die Synoden und Kirchenleitungen gerade mit Reformdebatten und Evaluationen zu beschäftigt und nach innen verschlissen, als dass sie die Kraft gehabt hätten, sich für einen verfolgten Christen wie Abdul Rachman einzusetzen.
Kann es sein, dass die Befürchtung, sich eventuell politically incorrect zu äußern, eine gewisse Lähmung hervorgerufen hat? Überlassen die Christen es deshalb der Politik, für die Menschenrechte ihrer Glaubensgenossen einzutreten? Islamische Gläubige haben diese Zurückhaltung nicht, im umgekehrten Fall dürfte es einen Sturm der Entrüstung gegeben haben – und das mit Recht.
Das Christentum ist müde geworden. Dem entspricht eine wohlfeile intellektuelle Arroganz, mit der Menschen belächelt werden, die sich für die vom Tübinger Theologen Hans Küng initiierte Bewegung des Weltethos einsetzen. Da ist flott von Naivität die Rede, von einer Initiative im Wolkenkuckucksheim, von religiösem Einheitsbrei. Schnell wird auch der Vorwurf laut, dass sich das Christentum ja noch nicht einmal interkonfessionell einigen könne und der Einsatz für ein Weltethos ein fünfter Schritt vor dem ersten sei.
Das sehen prominente Vertreter der Politik offensichtlich anders. In der Waldhäuser Straße in Tübingen fanden sich schon Kofi Annan, Tony Blair und Horst Köhler ein, um mit Hans Küng über das Weltethos zu diskutieren. Auch Papst Benedikt XVI. war das Anliegen des Weltethos wichtig genug, um es in seinem Gespräch mit Hans Küng zu erörtern und die neueste Veröffentlichung dazu – das gemeinsam mit mir verfasste Buch »Weltethos – christlich verstanden« (Verlag Herder Freiburg im Breisgau 2005) – zu lesen. Erfreulicherweise machten auch die Beiträge der evangelischen Theologin Eindruck auf das Oberhaupt der katholischen Kirche, wie Hans Küng in einem Leserbrief an diese Zeitschrift mitteilte. Die Ansichten derselben evangelischen Pfarrerin zum Thema Frauen–Ordination und Abendmahl würden auf den Papst dagegen wohl kaum Eindruck machen.
So schmerzlich ich eine Trennung der Konfessionen gerade in der Frage des Herrenmahls empfinde – strittige theologische Fragen spielen für das Anliegen des Weltethos keine Rolle. Dem Projekt Weltethos geht es gerade nicht darum, eine Einigung der Religionen zu erzielen. Sein Anliegen ist, dass sich die Religionen auf einen Grundbestand von Werten einigen, der in allen großen Religionen zu finden ist.
Mit der Erklärung zum Weltethos, das auf dem Parlament der Weltreligionen 1993 in Chicago ratifiziert wurde und durch die UN–Resolution vom November 2001, die die Weltethos–Thematik auch auf höchster politischer Ebene einführte, sind wichtige Schritte auf dem Weg zu einem friedlichen Miteinander der Religionen gelungen, was unabdingbare Voraussetzung für den Frieden auf dieser Welt ist. Über 6000 Vertreter verschiedener Religionen einigten sich unter Federführung von Hans Küng 1993 in Chicago auf zwei Grundregeln (Goldene Regel und Humanitätsregel) und auf vier Weisungen, die diese Regeln entfalten: Sie fordern Ehrfurcht vor dem Leben, Solidarität und wirtschaftliche Gerechtigkeit, Toleranz und Wahrhaftigkeit und die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Die weltweite Umsetzung dieser Grundregeln und Weisungen steht noch aus. Scheitern jedoch alle, die sich für den Weltfrieden einsetzen, durch gewaltsame, vorgeblich religiös motivierte Terroranschläge? Erweist sich das Weltethos–Projekt dadurch als gut gemeinter, letztlich aber hilfloser Versuch? Auch die Anschläge in New York, Madrid und London haben die Forderungen des Weltethos nicht ad absurdum geführt, sondern im Gegenteil ihre Dringlichkeit unterstrichen.
Der Friede ist nicht deshalb abzulehnen, weil es Menschen gibt, die sich ihm entgegenstellen. Aber wie werden Menschen zum Frieden fähig? Der Weg zum Frieden ist der Weg in die Köpfe und Herzen der Menschen, mit Gewalt lässt sich der nicht erzwingen. Deshalb ist der Dialog über das Weltethos, die Profilierung seiner Forderungen so wichtig. Auch, damit Gewalttätern und Terroristen deutliche Grenzen gesetzt werden. Aber Grenzen, die nicht in einer Machtdemonstration, sondern in den Menschen erwachsen. Ein friedliches Zusammenleben der Kulturen erfordert eben mehr als eine gleichgültige Toleranz, das haben zum Beispiel die Niederlande bitter gelernt.
Zwölf Jahre nach Chicago setzte Hans Küng das Projekt Weltethos fort, indem er – in Zusammenarbeit mit mir – das Weltethos christlich interpretierte. Dabei zeigte sich, dass das Weltethos sehr wohl christlich begründet werden kann, ohne theologische Abstriche machen zu müssen. Es wäre wünschenswert, wenn sich dieses neue Projekt mit Vertretern anderer Religionen fortführen ließe.
Die Einwände gegen den Sinn dieses neuen Projektes sind ebenfalls wohlfeil: wie könnte ein Buch »Weltethos – muslimisch verstanden« radikale Islamisten überzeugen? Nun: Fanatiker jeder Couleur werden sich nie von Argumenten überzeugen lassen. Jedoch wäre zum Beispiel das Werk »Weltethos – muslimisch verstanden« eine große Hilfe für alle Muslime, die Gewalt verachten und sich dafür einsetzen, dass der Islam und die Menschenrechte miteinander vereinbar sind. Ein solches Buch könnte Argumente bieten, mit denen Muslime ihren Einsatz für die Menschenrechte, ihre Abneigung gegen die Unterdrückung von Frauen und Mädchen und menschenverachtende Gewalt mithilfe der Weisungen des Weltethos und aus dem Geist ihrer Religion begründen könnten.
Für Christen will dies das Buch »Weltethos – christlich verstanden« leisten. Es bietet Argumentationshilfen und Hinweise auf biblische Texte, mit denen sich die Grundregeln und die Weisungen des Weltethos begründen lassen. Zudem möchten Fragen zu den einzelnen Punkten die persönliche Reflexion anregen. Es ist eine Sprachhilfe für alle Menschen, die wissen wollen, was das Christentum zum Thema zu sagen hat. Zugleich können sie entdecken, dass das Weltethos nichts Schwieriges, sondern im Grunde etwas ganz Einfaches ist, das ihnen hilft, ihr Leben weise zu gestalten. Das Weltethos ist also keine Elite–Moral, die nur eine kleine Gruppe engagierter Intellektueller oder Träumer beschäftigt. Es ist eine Aufgabe, die sich an die Verantwortungsträger in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft und – ganz besonders – den Medien genauso richtet wie an Vertreter der Kultur, die nicht in einem Elfenbeinturm jenseits der politischen Realität existieren, sondern ebenfalls Verantwortung tragen. Sie betrifft unsere christlichen Kirchen und sie geht auch den Normalbürger und die Normalbürgerin an. Diese sind es ja, die in sich die Sehnsucht nach verbindlichen Grundpfeilern, nach Halt und Orientierung spüren und deren Sehnsucht von den Medien und von der Politik aufgegriffen wird. Das Stichwort »Werte« prägte das Jahr 2005, war zentrales Thema im Bundestagswahlkampf wie für den Stern. Es ist wichtig, dass Menschen kritisch überprüfen, ob ihr Bedürfnis nach Orientierung nur publizistisch oder wahlstrategisch ausgeschlachtet oder tatsächlich konstruktiv aufgegriffen wird.
Wie es aussehen kann, die Texte des Weltethos in christlicher Sprache zu buchstabieren, möchte ich exemplarisch am Beispiel der Humanitätsregel ausführen: Jeder Mensch muss menschlich behandelt werden. Das heißt: Jeder Mensch – ohne Unterschied von Alter, Geschlecht, Rasse, Hautfarbe, körperlicher oder geistiger Fähigkeit, Sprache, Religion, politischer Anschauung, nationaler und sozialer Herkunft – besitzt eine unveräußerliche und unantastbare Würde (Weltethoserklärung II). Wie kann die Würde des Menschen nun christlich begründet werden? Auf diese Frage kann ich nur antworten, wenn ich definiere, was den Menschen zum Menschen macht.
Auch nach der Französischen Revolution wollten die Verfechter von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit in Schwarzen keine Menschen sehen. Anders hätte die Sklavenhaltung in den Kolonien nicht fortgesetzt werden können – wirtschaftlicher Schaden wäre die Folge gewesen. Erst 1848 kam der französische Sklavenhandel zum vollständigen Erliegen. Und Frauen? In vielen Ländern der Welt sind sie Menschen zweiter Klasse, Eigentum ihrer Väter oder Ehemänner, über das verfügt werden darf. Was macht den Menschen zum Menschen?
Es ist äußerst problematisch, Kriterien für das Menschsein im Menschen selbst finden zu wollen. Mit solchen Kriterien ist es schlecht um die Menschenwürde bestellt. Denn die Würde des Menschen lässt sich nicht aus dem Menschsein heraus begründen. Menschen sind weder besonders schöne, starke oder auch nur schnelle Lebewesen. Wenn ich die Würde des Menschen aus seiner Vernunft begründe, weil die Vernunft den Mensch vom Tier unterscheidet, dann steht vielen Menschen diese Würde nicht oder nur in eingeschränktem Maße zu.
Auch aus der Qualität menschlichen Handelns lässt sich die Menschenwürde nicht ableiten. So grausam wie der Mensch zu seinesgleichen sein kann, ist kein Tier zu seinen Artgenossen, nicht einmal zu anderen Tieren. Fressen und Gefressenwerden ist das Gesetz der Natur und sichert das Überleben der Art – doch kein Tier quält und erniedrigt ein anderes. Die Psychoanalyse hat uns gelehrt, dass unser Bewusstsein nur eine kleine Insel im Ozean des Unbewussten ist. Bescheidenheit unserer eigenen Erkenntnisfähigkeit gegenüber ist daher angemessen – wir Menschen sind nicht einmal Herr im eigenen Hause. Es ist auch auf diesem Hintergrund ein Zeichen von Selbstüberschätzung, wenn sich der Mensch zum Maßstab aller Dinge macht.
Christen erschließt sich die Würde des Menschen aus seiner Beziehung zu Gott. Gott hat jeden Menschen als Gegenüber gewollt, hat jeden Menschen zu seinem Ebenbild geschaffen.
Wie ein dunkler Schatten Gott hat den Menschen als ein Wesen erschaffen, das ihm entspricht, zu dem er sprechen kann, das mit ihm redet und ihn hören kann. Das gilt für alle Menschen. Aus dieser Gottesbeziehung, die jedem Menschen gilt – auch dem Sünder, auch dem, der nicht an Gott glaubt –, begründet sich für Christen die Würde des Menschen.
Die Abkehr von Gott negiert nicht die Gottebenbildlichkeit, sondern pervertiert sie wie ein dunkler Schatten. Auch dies kann jedoch niemals die Gottebenbildlichkeit und damit die Würde des Menschen zerstören. Deshalb steht die Menschenwürde auch noch dem schlimmsten Verbrecher und dem grausamsten Folterknecht zu. Kein Mensch kann sich im Übrigen rühmen, frei von aller Perversion zu sein. Jeder von uns trägt auch die dunklen Schatten der verdrehten Ebenbildlichkeit in und mit sich. »Die Würde des Menschen ist unantastbar.« Weil diese Würde zwar unantastbar, aber nicht natürlich ist, wird sie per Gesetz geschützt. Die Verfasser des deutschen Grundgesetzes wussten sich dem Glauben an Gott verpflichtet. Ihre Begründung der Menschenwürde ist christlich.
Jede andere Religion kann ebenfalls aus der Gottesbeziehung die Würde des Menschen erschließen. Wenn dies für Atheisten nicht möglich ist, müssen sie erläutern, wie sie, trotz der genannten Schwierigkeiten aus dem Menschsein an sich, für alle Menschen eine Würde ableiten können.
Weil sich für Christen die Würde des Menschen aus ihrer Beziehung zu Gott erschließt, ist diese Würde – und damit auch die menschliche Person an sich – unverfügbar. Menschen sind nie ganz zu ergründen, wunderbar und unergründlich wie Gott selbst. Deshalb kann ein Mensch nie einem anderen gehören, er gehört sich ja nicht einmal selbst.
Der einzige Mensch, der wirklich Mensch war ohne die Schattenseiten der Gottebenbildlichkeit, der einzige Mensch, der sich Gott als liebevolles Gegenüber zuwenden konnte, war Jesus Christus selbst. Er war der einzig wahre Mensch ohne Perversion. Wie schwer Menschen sich tun, wenn sie mit dem wahren Menschsein konfrontiert werden, zeigt sein Schicksal: Seine würdelose Hinrichtung ist die konsequente Folge seiner unverzerrten Gottebenbildlichkeit.
Ist das Christentum zu müde geworden, um für diese Würde zu kämpfen? Dann ist es das Zeichen der Zeit, wieder aufzuwachen. Denn, so Hans Küng: »Trotz aller Unmenschlichkeiten auf dieser Welt kann es nicht Auftrag der Christen sein, eine Weltuntergangsstimmung zu verbreiten. Zusammen mit allen Menschen auf diesem Planeten haben Christen eine gemeinsame Verantwortung für seine Zukunft. Eine Verantwortung, die sie im Dialog und in Partnerschaft mit Menschen anderer Religionen und Kulturen ins Bewusstsein aufnehmen und in der überzeugenden Tat wahrnehmen müssen.
Denn: Es wird kein Überleben der Menschheit geben ohne ein gemeinsam geteiltes Menschheitsethos, ohne ein alle verbindendes und für alle verbindliches Weltethos! Und dieses gemeinsame und geteilte Weltethos ist die große Chance, nicht nur eine schlimmere Welt zu verhindern, sondern wahrhaft eine bessere zu gestalten.«
Angela Rinn-Maurer.
In: Zeitzeichen. Evangelische Kommentare zu Religion
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